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Karl-Heinz Zimmer
30. November 2017

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Ray Bradbury
Der illustrierte Mann

Dir klingt der Name Bradbury vertraut? Vermutlich kennst Du Fahrenheit 451. Das spannend verfilmte Buch ist ja sein bekanntester SciFi-Roman, es faszinierte mich als Schüler, war eine der beeindruckendsten Lektüren und ich find's immer noch super.

Du hast wenig Zeit?    Einleitung überspringen!  

Das Buch vom Unterricht her noch im Kopf, griff ich als 17-jähriger neugierig zu einem weiteren seiner vielen Bände:
Der illustrierte Mann war meine erste Begegnung mit der herrlich facettenreichen Welt von Ray Bradburys mehr als 600 Kurzgeschichten und 27 Novellen/Romanen. Weitere Bücher folgten bald: Die goldenen Äpfel der Sonne und Löwenzahnwein und Medizin für Melancholie und Geh nicht zu Fuß durch stille Straßen und ... und ... und der schräge, humorvolle, herrliche Roman Friedhof für Verrückte.
Die Begeisterung blieb, ich verschlang die Geschichten und las sie immer wieder, finde jede auf eigene Art 'unglaublich' und total schön.

(Vor dem Lesen der Buchbeschreibung in der Wikipedia muss diesmal gewarnt werden, da der Text alle enthaltenen Geschichten ohne Warnung spoilert. Doch bietet sie eine schöne, kleine Beschreibung zum Autor dort   auf deutsch  
und dort   auf englisch   eine deutlich informativere Zusammenstellung.)

Der illustrierte Mann wurde und blieb mein Lieblingsbuch und Ray Bradbury bis heute einer meiner fünf liebsten Autorinnen und Autoren. Vielleicht schließt auch Du ihn in's Herz und lernst seine besondere Erzählmagie kennen und lieben. :)



zum Genre: In dieser Rezension ignoriere bitte den "SciFi"-Begriff.

Theoretisch passt es zwar, doch Ray schreibt nicht, was Du vermutlich unter "Science Fiction" erwartest, sondern ist auch ohne Interesse an SF-Themen SEHR lohnend lesbar. Tatsächlich verblüffte er einmal sogar mit dem Hinweis, mit Ausnahme von Fahrenheit 451 habe er nie SciFi geschrieben, sondern Fantasy, da SciFi die Wirklichkeit (bzw. das Mögliche) abbildete, Fantasy aber das Unwirkliche und Unmögliche: »First of all, I don't write science fiction. I've only done one science fiction book and that's Fahrenheit 451, based on reality.« (...) »Science fiction is a depiction of the real. Fantasy is a depiction of the unreal. (...) It couldn't happen, you see?« (siehe englische Wikipediaseite)

Wichtiger als Genre-Fragen war ihm sein Hauptthema: Der Mensch

ein Beispiel: Bei Bradbury hört ein Schrottplatz-Besitzer auf den Vornamen Fiorello und die Liebe zu seiner jungen Familie leuchtet wie eine Wiese voller Frühlingsblumen in seinem Herzen, so beschliesst er, für sie den Himmel hinab auf die Erde zu holen. :)


Buchdaten

Autor:Ray Bradbury
Titel:Der illustrierte Mann
Verlag:Diogenes, Zürich (2015)
ISBN:978-3-257-60751-2
Webseite:   http://www.diogenes.ch/leser/titel/ray-bradbury/der-illustrierte-mann-9783257607512.html   
Übersetzung:Peter Naujack
original:The Illustrated Man
Doubleday & Company, Inc., New York City (1951)



Kurzbeschreibung

»Eine nächtliche Begegnung auf der Landstraße: vertrauenerweckend ist er nicht gerade, der seltsam gehetzte Mann mit den vielen Tätowierungen. Und dann beginnen sich diese auch noch zu bewegen... Daraus entstehen die Geschichten des Buches, die von anderen Welten erzählen: von Liebe und Einbildungskraft auf dem Mars, von Wahnsinn im ewigen Regen der Venus, vom einsamen Tod im unendlichen Raum zwischen den Sternen und von den Städten und Dörfern in unserer eigenen Welt, in der seltsame Dinge geschehen, die wir nie bemerken, und in der seltsame Wesen leben, denen wir nie begegnen.«



Aufbau des Buches

Die Erzählung der Begegnung mit dem illustrierten Mann fasst die gänzlich von einander unabhängigen Einzelgeschichten als Prolog und Epilog ein. Als kleine Fantasy-Episode hat die Rahmenhandlung einen eher düsteren Grundton, der sich gegen Ende verstärkt.



18 Geschichten
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Titel (Seiten)GenreThema 
 

Prolog (7)
1950
Fantasy(lass Dich überraschen)
 
#1
Das Kinderzimmer (21)
The Veldt
1947
SciFiBesessenheit der Kinder vom Wünsche erfüllenden Spielzeug
Einleitung
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#2
Kaleidoskop (13)
Kaleidoscope
1949
SciFiUnerwartete Ehrlichkeit in einer Extremsituation
Einleitung
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#3
Die andere Haut (19)
The Other Foot
1951
SciFiReaktionen der ehemals Unterdrückten auf Hilfe-Flehen
Einleitung
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#4
Die Landstraße (6)
The Highway
1950
SciFiEinfachstes, ländliches Dasein parallel zur modernen Welt
Einleitung
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#5
Der Mann (18)
The Man
1949
SciFiVertrauen und verstehen, oder rücksichtslos dem Glück nachjagen
Einleitung
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#6
Der lange Regen (20)
The Long Rain
1950
SciFiVerzweifelter Marsch durch nervtötenden, zermürbenden Dauerregen
Einleitung
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#7
Der Raumfahrer (17)
The Rocket Man
1951
SciFiZerrissenheit des Raumfahrers zwischen seine Liebe und dem Locken des Alls
Einleitung
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#8
Die Feuerballons (27)
The Fire Balloons
1951
SciFiBekehrungseifrige Missionare begegnen dem Unerwarteten
Einleitung
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#9
Die letzte Nacht der Welt (6)
The last Night of the World
1951
Fantasy»Gute Nacht!«
Einleitung
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#10
Die Verbannten (20)
The Exiles
1949
FantasyFür glühende Lesewürmchen die allerwichtigste Geschichte des Buches! :)
Einleitung
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#11
Kein Abend, kein Morgen ... (14)
No Particular Night and Morning
1951
SciFiUnvermögen, an mehr zu glauben als die sicht- und tastbare Welt
Einleitung
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#12
Der Fuchs und die Hasen (22)
The Fox and the Forest
1950
SciFiKluge Versuche, per Zeitreise den Häschern zu entrinnen
Einleitung
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#13
Der Besucher (19)
The Visitor
1948
SciFiEgoistische Gier ohne Bereitschaft zum Teilen
Einleitung
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#14
Zementmixer (29)
The Concrete Mixer
1949
SciFiInvasoren vom Mars treffen mit Schwung auf unser System
:D
Einleitung
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#15
Marionetten, e.V. (11)
Marionettes, Inc.
1948
SciFiAllzu ober-schlaue Betrügereien
Einleitung
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#16
Die Stadt (11)
The City
1950
SciFiRache über den Tod hinaus
Einleitung
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#17
Stunde Null (15)
Zero Hour
1947
SciFiBegeisterungsfähige Kinder und das Lächeln der Erwachsenen
Einleitung
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#18
Das Raumschiff (14)
The Rocket
1950
SciFiDie Reise ihres Lebens :)
Einleitung
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Epilog
Epilog (1)
1950
Horror(lass Dich überraschen)



Mein freundlicher Vorschlag: "Lies das Buch, auch wenn Du kein SciFi-Fan bist!"

Ray Bradbury gehört zu jenen besonderen Fabulierern, die im Grunde nur so tun, als ob sie SciFi schrieben: Nicht SciFi ist sein Thema, sondern der Mensch!
( siehe die untere Hälfte meines kleinen   Genre-Artikels   )



Hinweis zur Zeit der Entstehung

Die Geschichten entstanden um 1950, darum übersieh bitte die paar kleinerem Anachronismen, nur ein Detail beachte bitte:
In einer der Stories haben Menschen einen Atomkrieg überlebt, sie rufen "Das Ende der Welt!" und meinen damit die Zerstörung ihre Städte, da sie auf der Flucht von dort weg eilen.
Dir erscheint die Vorstellung absurd, wir verbinden mit atomarem Weltkrieg ja völlige Auslöschung, doch damals war die Ansicht verbreitet, die Zerstörung sei teilweise überlebbar und Neuanfänge möglich:
Der uns heute sprachlos machende Film   »Duck and cover«   wurde 1951 produziert und ab 1952 in Grundschulklassen zum Ernstfall-Training eingesetzt.



Bradburys Sprache

Die verblüffte Erkenntnis Schreibender brachte
Antoine de Saint-Exupéry auf den Punkt
in Terre des Hommes (Wind, Sand und Sterne),
für Kurzgeschichten gilt sie besonders:

»Il semble que la perfection soit atteinte
non quand il n'y a plus rien à ajouter,
mais quand il n'y a plus rien à retrancher.«


»Es scheint, Du erreichst Vollkommenheit
nicht dann, wenn es nichts mehr ergänzen gibt,
sondern, wenn Du nichts mehr streichen kannst.«


Gezielt und gekonnt setzt Ray die Worte, lässt Dich Nachsinnen und Miterleben, bringt sachte in Dir eine Saite zu schwingen.
So begeisterungsfähig sein Wesen, ist er zugleich ein solide formulierender Autor mit schön geradliniger, klarer Sprache, daher mit Schul-Englisch auch im Original lesbar:

Prolog
Die Tätowierungen 'erwachen' durch feine Bewegungen des Schlafenden:
When his flesh twitched, the tiny mouths flickered, the tiny green-and-gold eyes winked, the tiny pink hands gestured. There were yellow meadows and blue rivers and mountains and stars and suns and planets spread in a Milky Way across his chest.

The Rocket Man
Die Mutter zum Sohn, voller Angst, die Rakete zerschellte auf einem Planeten:
»What if he dies on Venus? Then we'll never be able to see Venus again. What if he dies on Mars? We'll never be able to look at Mars again, all red in the sky, without wanting to go in and lock the door. Or what if he died on Jupiter or Saturn or Neptune? On those nights when those planets were high in the sky, we wouldn't want to have anything to do with the stars.«

The Rocket
Nach glücklicher Rückkehr vom herrlich schönen Raumflug:
They walked (...) from the open door of the rocket, their blood singing, their faces glowing.
(...)
Very late in the night Bodoni opened his eyes. He sensed that his wife was lying beside him, watching him. She did not move for a very long time, and then suddenly she kissed his cheeks and his forehead. »What's this?« he cried.
»You're the best father in the world,« she whispered.

(...)



Warum ich die Geschichten liebe?

Im Herzen so authentisch wie poetisch, geht es Ray um Gefühle und Gedanken, um Sehnsüchte und Sorgen, um Ruhe und Zerrissenheit, Freundschaft und Einsamkeit.

SciFi steht auf dem Buchdeckel und viele Geschichten spielen im All, es tauchen futuristische Erfindungen auf, oder Außerirdische besuchen die Erde, doch das ist nur äußerer Schein, eine Art Tarnanstrich, um die Stories publiziert zu bekommen:
Die Fragen der Menschen und ihr Ringen, die still fesselnden Stimmungen, das Lachen oder das (meist eher subtile) Grauen sind so viel wichtiger als die SciFi-Elemente!
Ob "Der Mann" fremde Planeten besucht oder der Kommandant ihm per Dreimaster segelnd von einer unentdeckten Insel zur nächsten nach jagt, ist so unerheblich, wie die Frage, ob die unglückliche Raumschiff-Crew im All aus einander driftet, oder ob sie als hilflose verlorene Polarforscher auf Eisschollen von einander weg treibend per Walkie Talkie kommunizieren.



Meine Lese-Empfehlung: Nimm Dir Zeit!

Genieße die Geschichten schön langsam und tauche in die Sprache ein.
Weine mit der Ehefrau und dem Sohn des Raumfahrers, bange und verzweifele mit den Wanderern im langen Regen ... und lache glücklich mit den Kindern, die gemeinsam ihren ersehnten Raumflug antreten, obwohl das Geld nur für eine Fahrkarte reichte:

Öffne Dein Herz, lies mit leisem Staunen und lass Dich mitnehmen in die facettenreiche Welt von Rays Fantasie, die so viel mit unserem eigenen Menschsein zu tun hat.

Lieben Gruß
Dein Karl-Heinz
 
 

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